Das Studium unternehmerisch gestalten – Gespräch mit Jonas Redecker, PPÖ-Student
Auf einen Kaffee mit: Eine Gesprächsreihe mit interessanten Persönlichkeiten aus dem Umfeld der UW/H.

Professional Campus: Lieber Jonas, wie kamst Du zur UW/H? Was studierst und machst Du dort?
Jonas Redecker: Ich bin gebürtiger Wittener und war mal in Kassel auf einem Symposium für engagierte Schüler:innen. Und da war einer, der Philosophie, Politik und Ökonomik (PPÖ) studiert hat und ganz begeistert davon berichtet hat.
Da habe ich gedacht: Das möchte ich auch gerne machen! Ich studiere nun PPÖ im 8. Semester. Ich bin in sehr vielen Projekten engagiert, deshalb wird die Semesterzahl erhöht, aber das ist es wert. Denn es heißt: das Studium unternehmerisch zu gestalten. Ekkehard Kappler, der Gründer der Wirtschaftsfakultät, hat das so genannt: das Studium selbst unternehmerisch gestalten. Und das ist genau das Richtige für mich: Ich kann die akademischen Inhalte mitnehmen, kann aber viel mitgestalten, Projekte initiieren.
Professional Campus: Zu den Projekten kommen wir gleich – aber jetzt zu PPÖ und Unternehmertum. Der Zusammenhang zwischen Ökonomik und Unternehmertum leuchtet mir ein. Aber was haben Philosophie und Politik mit Unternehmertum bzw. mit unternehmerischer Verantwortung zu tun?
Jonas Redecker: Für mich war der wichtigste Grund, warum ich PPÖ studieren wollte, Gesellschaft zu verstehen. Mit der Philosophie, allem voran mit der angewandten Ethik, geht es um die Frage, wie man handeln sollte. In der Politik: Welche Rahmenbedingungen werden durch die Politik gesetzt, wie funktioniert das alles; wie funktioniert spezifisch politische Macht. Und in der Ökonomie war für mich die Schlüsselfrage: Wie wird es dann umgesetzt. Mein Fokus im Studium liegt eher auf den ökonomischen Ideen. Und das finde ich schön, diese Freiheit. Ich kann mir Basiswissen in Philosophie & Politik aneignen und kann vertiefend auf Ökonomik eingehen, um Wirtschaft zu verstehen. Um zu verstehen: was bedeutet das, unternehmerisch tätig zu sein. Es ist ein Wechselspiel zwischen einerseits Gesellschaft zu verstehen und auf der anderen Seite Unternehmertum – was natürlich in der Gesellschaft eingebettet ist, aber dort einen großen Part ausmacht – zu verstehen und dadurch Gesellschaft zu gestalten. Und das in einer Wechselwirkung. Das macht sehr viel Spaß.
Professional Campus: Würdest Du Unternehmertum im ökonomischen Sinne verstehen oder eher als „unternehmerisch sein“, etwa im Sinne von „Initiative ergreifen“?
Jonas Redecker: Ja genau: für mich bedeutet das, im Studium tätig zu sein und zu gestalten. Etwa Uni Gestalten, durch Uni-Politik. Oder aber auch: Projekte gestalten, etwa ein Sommerfest, ein Familienunternehmerkongress, eine SWITCH-Konferenz… das heißt, gestalterisch tätig zu werden. Natürlich geschieht das nicht losgelöst vom ökonomischen Kontext: denn man muss schauen wie das Projekt finanziert wird, muss Geld akquirieren oder schauen wie die Leute zusammenwirken…
Professional Campus: Jetzt sind wir bei den Projekten und Initiativen angekommen – Du hast einige kurz genannt, magst Du mehr dazu erzählen?
Jonas Redecker: Angefangen habe ich noch vor Corona, ich war komplett geflashed von der Uni, von den vielen Initiativen – man wusste nicht wo man anfängt. Ich durfte bei den Model United Nations mitmachen. Glücklicherweise konnten wir noch zur Simulationskonferenz nach Heidelberg fahren, denn aufgrund der Corona-Pandemie wurde die Konferenz in New York abgesagt. 2020 habe ich zum ersten Mal beim 22. Kongress für Familienunternehmen mitgearbeitet. Auf dem Kongress konnte ich fast alle Bereiche im Veranstaltungsmanagement von innen kennenlernen: Logistik, Catering, Shuttle… Ich fand es einfach grandios, bei einem Riesenprojekt mitarbeiten zu dürfen. Das war mein erster touching point. In Corona-Zeiten bin ich ins Unikat reingekommen. Durch diese Studierenden-Initiative haben wir versucht Anlässe zu schaffen, um in Kontakt zu bleiben. Zum Beispiel Window-Hopping: man ist in Witten von Fenster zu Fenster gezogen und konnte gemeinsam anstoßen – trotz der Distanz. Das Unikat ist auch mein Zuhause; ich packe gerne mit an, wenn Veranstaltungen sind. Dann habe ich während Corona sehr viel online mit zwei Professoren aus dem Medizinbereich gearbeitet; es ging um den Aufbau eines Kultur-und Begegnungsraums im Gemeinschafts-Krankenhaus in Herdecke. Daraus ist ein Verein entstanden und so kam ich in Berührung mit verschiedenen Aspekten, wie beispielsweise eine Satzung schreiben. Oder mit Fundraising: Wie macht man ein Businesskonzept, wie gehen wir auf Stiftungen zu? Wir konnten mit der GLS-Treuhand-Stiftung zusammenarbeiten. Das war sehr lehrreich. Ich selbst bin nicht mehr an dem Projekt beteiligt. Aber es läuft weiter. Und wird um weitere Angebote ausgeweitet, darunter eine Bücherstube. Es war eine sehr interessante Erfahrung im Gesundheitssektor. Es ging darum, wie man Kultur, Begegnungen und Präventionsmaßnahmen in ein Krankenhaus zusammenbringen und anbieten kann.
Danach habe ich die PPE-Conference organisiert. Die Projektarbeit fand größtenteils online statt, was sehr herausfordernd war. Die Konferenz selbst konnte dann zum Glück in Präsenz stattfinden. Es war für mich eine sehr wichtige Erfahrung denn es ging darum, Teamprozesse mitzugestalten und eine Koordinations-Rolle zu übernehmen.
Professional Campus: Du hast ja verschiedenste Facetten des Uni-Lebens mitgestalten können…
Jonas Redecker: Ich bin sogar in der Uni-Politik eingestiegen! Ich wurde studentischer Vertreter im Fakultätsrat. Nach Corona war mir sehr daran gelegen, Studierende wieder zusammenzubringen, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und die Menschen zu begeistern, Uni mitzugestalten. Wir haben viele Ideen in das sogenannte Baukastensystem einfließen lassen; das sind die neuen Studiengänge, die als Bachelor of Choice im Herbst starten. Das Ganze hat mich sehr geschult darin, wie man strategisch an ein Projekt rangeht. Und dann wurde ich gefragt, ob ich ins Kuratorium der Universitätsstiftung einsteigen möchte. Man merkt: Ich hab‘s nicht so einfach mit nein sagen! (lacht) Deshalb bin ich ins Kuratorium der Universitätsstiftung reingekommen. Im Kuratorium habe ich die Möglichkeit, Uni-Politik auf einer anderen Ebene zu gestalten. Man ist sehr nah an der Gesellschafterversammlung dran und hat den größeren Blick auf die gesamte Uni; das macht sehr viel Spaß. Zwischendurch kam jemand auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei einem neuen Projekt zu unterstützen. Wir wollten Ideen sammeln, um Teile des Medizinstudiengangs neuzugestalten.
Es bot sich die Möglichkeit nach Boston zur Harvard University zu fliegen, um uns die longitudinale Patientenbegleitung im ersten praktischen Jahr nach dem Physikum anzuschauen. Es war sehr spannend, die Funktionsweise des Gesundheitssystems in Amerika zu verstehen aber auch zu schauen, wie Bildung dort funktioniert und was wir mitnehmen können. Ich bin immer noch ab und zu bei Treffen dabei, um zu schauen, wie wir das hier in Witten implementierten können. Daraufhin – das war letztes Jahr, im Herbst 2022 – bin ich im Organisationsteam für den 25. Familienunternehmerkongress eingestiegen. Seit dem ersten Mal, wo ich beim Kongress mitarbeiten durfte, wusste ich: Ich möchte einen solchen Kongress organisieren. Es war ein sehr enges Zeitfenster, denn für den Kongress hatten wir nur fünf Monate. Deshalb hatten wir vereinbart, dass ich mich auf das Event-Management fokussiere. Nun bin ich mit einem neuen Team in der Organisation des 26. Kongress für Familienunternehmen beschäftigt. Hier bin ich vor allem für das Fundraising zuständig. Also vom Schreibtisch weg, hin zu den Unternehmen. Das macht mir sehr viel Spaß.
Parallel hierzu hatte mich Birgit Beßler für die Neugestaltung des Fortbildungsprogramms Gesellschafterkompetenz rekrutiert – das war sehr gut, denn hierdurch haben sich Welten verbunden und gegenseitig befruchtet. Ich konnte Anregungen aus der Fortbildung in den Kongress reinbringen und umgekehrt.
„Was mich reizt: Aktiv werden, Gesellschaft verändern.“

Jonas Redecker, UW/H Student und Projekt-Mitarbeiter u.a. bei der SWITCH Konferenz und beim Familienunternehmerkongress
Professional Campus: Und dann kam SWITCH?
Jonas Redecker: Genau. Durch das Gesellschafterkompetenz-Programm war ich bereits am Professional Campus tätig. Dann kam Sebastian Benkhofer auf mich und eine befreundete Studentin (Maya Maihack) zu.
Wir saßen zwei Stunden im Witten Lab und er hat uns seine Vision dargestellt. Sofort merkte ich: Das macht richtig Laune! Und das kam zum richtigen Zeitpunkt – in einer Zeit, wo ich durch die Planung für den Familienunternehmerkongress den Sinn verloren hatte und dachte: ich plane eine Großveranstaltung für Leute, die mit ihrem Business-Modell möglicherweise die Welt zerstören. Und dadurch aber auch die Möglichkeit haben, viel zu ihrer Rettung beizutragen. Doch wie genau das aussehen kann weiß ich nicht. Da kam Switch im richtigen Moment hinzu, um an Lösungen zu arbeiten.
Professional Campus: Zu SWITCH würde mich interessieren, wie und auf welcher Ebene Du und Deine Mit-Streiterin mitgestalten könnt?
Jonas Redecker: Für Maya und mich war essenziell zu schauen, dass Menschen, die einander nicht begegnen würden, zusammenkommen. In den Planetary Labs soll Verständnis füreinander aufgebracht werden – egal ob Du Schülerin bist oder CEO. Warum ist uns daran gelegen, dass Unternehmer und jemand aus der nächsten Generation begegnen? Weil wir das Gefühl haben, es sind große Diskrepanzen in der Art, wie Unternehmer:innen und die sogenannte Gen-Z aufeinander blicken. Viele Unternehmensinhaber:innen sind der Meinung, die jüngere Generation sei faul oder könne nicht mehr performen…Zugleich stoßen sie auf das Problem von Fachkräftemangel. Die andere Seite, die jüngere Generation hingegen fragt: Warum sollten denn für Euch arbeiten? Ihr verpestet gerade unseren Planeten und überhaupt – wir haben keine Zukunft mehr! Ich möchte ein anderes Leben als eine 50-Stunden Woche; werde ich denn noch Kinder bekommen? Wie geht das alles weiter? Eine Person aus der jungen Generation kann aber in die Rolle des Anderen schlüpfen, um zu begreifen: Unternehmensinhaber:innen haben eine hohe Mitarbeiterverantwortung und können nicht alles über Bord werfen; sonst werden unzählige Menschen von heute auf morgen arbeitslos. Unternehmer:innen wiederum können einsehen: Die Jüngeren wollen gestalten, aber vielleicht nicht auf die Art und Weise, die ich gewohnt bin. Die Konferenz ist ein Kickoff für eine Bewegung, für eine Bildungsinitiative. Und ich glaube es ist sehr wichtig, dass wir Verständigung schaffen anstelle der konfrontativen Debatten-Art, die wir beispielsweise in der Presse beobachten.
Professional Campus: Gab es andere Ideen, die Du für SWITCH einbringen konntest?
Jonas Redecker: Für ein Pre-Event wollte ich mich mit einem guten Freund zusammentun. Da er die Studierendeninitiative „Kinokat“ organisiert, hatten wir eine Filmidee. Und so kam es zu theweek: Es sind drei Filme, die von Frederic Laloux und seiner Frau gedreht wurden und zu Diskussionen und Handlungen gegen den Klimawandel anregen. Die dreiteilige Veranstaltung fand in sehr guter Atmosphäre statt, mit etwa 15 Leuten. Es hat alle angeregt, diese Urgency zu begreifen. Das hat uns befähigt und gezeigt: Es gibt andere Möglichkeiten tätig zu werden.
Professional Campus: Fließen diese Erfahrungen in den nächsten Familienunterkongress ein, den Du gerade planst?
Jonas Redecker: Ja, total! Der Titel des nächsten Kongresses heißt nämlich: Begegnungsraum. Wo Neues entsteht. Darum soll es bei diesem Kongress gehen: Menschen in eine tiefergehende Begegnung zusammenzubringen, um gemeinsam neue Lösungen zu erdenken und Angebote zu schaffen. Es geht darum, durch diese Begegnungen Potential hervorzurufen und zu zeigen, was möglich ist. Denn bisher gab es zwar Keynotes zu Nachhaltigkeit. Dort wurde immer das Problem beschrieben, nämlich: Wir sind in einer Klimakrise. Alle Unternehmerinnen: ja, wissen wir schon. Wenn man mit Unternehmerinnen spricht, merkt man: das Bewusstsein ist vorhanden. Jetzt geht es darum zu schauen, wie man Lösungen schafft. Und hier sind Praxisbeispiele, von denen andere lernen können, fundamental wichtig.
Professional Campus: Eine letzte Frage: was sind Deine Pläne nach dem Studienabschluss?
Jonas Redecker: Wenn man mich fragt, was ich werden möchte, sag ich: Ich möchte zukünftiger Gesellschaftsgestalter werden. Für mich kristallisiert sich heraus: unternehmerisch tätig werden; vielleicht ein eigenes Unternehmen, eigene Initiative gründen, die es schafft, multiple Krisen in denen wir stehen zu überwinden und eine lebenswerte Zukunft mitzugestalten. Was und wo das sein wird, kann ich überhaupt nicht sagen. Momentan finde ich Unternehmertum interessant. Gleichzeitig bin ich sehr offen für Ideen & Projekte. Ich könnte mir vorstellen, nach meinem Abschluss etwa zwei Jahre als Assistenz einer Geschäftsführung tätig zu werden, um genaue Einblicke in die Leitung von Unternehmen zu bekommen – das ist die strategische Planung. Und es wird anders kommen; darauf freue ich mich besonders.
