
Dr. phil.
Kerrin Artemis Jacobs
Instituts-Affiliierte
Fakultät für Gesundheit (Department für Humanmedizin) | Institut für Erste-Person-Forschung (IEPF)
Ich bin eine praktische Philosophin, die sich auf die Philosophie der Medizin/Psychiatrie spezialisiert hat.
Forschung
Forschungsprojekte:
1. Einsamkeitsforschung/Phänomenologie:
Die Phänomenologie und Psychopathologie der Einsamkeit
Diese Studie begann 2013 und ist seither ein laufendes interdisziplinäres Forschungsprojekt, das eine philosophische mit einer psychiatrisch-phänomenologischen Perspektive verbindet. Es ist auch zu einem zentralen Thema der Praxisgruppe „Psychiatrie, Psychotherapie und Medizinethik“ geworden. Das Habilitationsprojekt zielt auf eine Systematisierung dieser komplexen menschlichen Erfahrung durch die kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Forschungsparadigmen aus Philosophie, Psycho(patho)logie und Sozialwissenschaften. In den ersten Projektphasen ging es vor allem darum, eine feinkörnige Systematisierung von Einsamkeitserfahrungen zu entwickeln, um die philosophisch-phänomenologische Grundlagenforschung um eine differenzierte und kulturübergreifend sensible Konzeptualisierung von Einsamkeitsphänomenen zu bereichern, die deren pathogentische und salutogenetische Dimensionen berücksichtigt. Während aus einer philosophisch-konzeptionellen Perspektive die Aspekte der Einsamkeit im Hinblick auf die begriffliche Analyse und die Ideengeschichte, die unser Verständnis von Einsamkeit prägen, herausgearbeitet werden (z. B. als Veränderungen der bedeutungsvollen Bezogenheit auf sich selbst, andere und die Welt), werden diese Veränderungen für den psychiatrischen Bereich mit einem zweiten Modell dimensionell erfasst, das sich mit den komplexen funktionalen Rollen befasst, die Einsamkeit in spezifischen Pathologien spielt, einschließlich jener Phänomene, die von der Kritischen Theorie als so genannte „soziale“ Pathologien angesprochen wurden. In den letzten Jahren wurden insbesondere die spirituelle sowie die „digitale“ Dimension der Einsamkeit (z.B. Einsamkeitsmanagement und KI-„Lösungen“) kritisch beleuchtet, um die Veränderungen sinnvoller Bezogenheit aus der Sicht philosophischer Theorien sozialer Anerkennung und (angewandter) Ethik weiter zu spezifizieren.
2. Intuition:
„Zur Rolle der Intuition in Narrativen spirituellen Erwachens“
Dieses Projekt konzentriert sich auf die Rolle der Intuition in spirituell-religiösen Erfahrungen. Eine Vorstudie befasste sich mit der spezifischen Rolle, die intuitives Wissen im Expertenwissen (z.B. in der medizinischen Diagnostik) spielt. Die Folgestudie baut darauf auf mit einem (patho)phänomenologischen Ansatz zu Religiosität und Spiritualität als Katalysator für intra-, inter- und transpersonale Transformationsprozesse im Leben von Menschen. Dies wird insbesondere mit Blick auf die Risiken einer Pathologisierung intuitiver Erfahrungen einerseits bzw. einer Verkennung von Pathologie in spirituellen Kontexten andererseits untersucht. Der Fokus liegt dabei sowohl auf den jeweiligen (gesellschaftlichen) Rahmenbedingungen als auch auf der (Patho)Phänomenologie der (spirituellen) Intuition selbst. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Narrative gelegt, die (bisher) primär als Ausdruck pathologisch veränderter psychischer Zustände gelesen werden, im Gegensatz zu Narrativen, die in den jeweiligen (subkulturellen, institutionellen) spirituellen oder religiösen Kontexten ohne kritische Reflexion der Psychopathologie verstanden werden. Darüber hinaus leistet die Studie einen Beitrag zum Diskurs der immanenten Lebensformkritik: Durch eine philosophisch-kritische Haltung zu Narrativen spirituellen Erwachens, also prototypischen Meta-Narrativen und Glaubensvorstellungen (wie z. B. dem Glauben an spirituellen Aufstieg etc.), werden die spezifischen intra-, inter- und transpersonalen Prozessdynamiken (von Veränderungen) sinnstiftender Selbst- und Weltbezogenheit diskutiert. Dieses Projekt wurde unterstützt durch das EMMAUS-Projekt/CJ Nymphenburg.
3. Transpersonale Pathologie
„Agents on the moral edge“
Will man die Phänomene sozialer Pathologien (z.B. Verdinglichung, Ausbeutung und Mobbing) aus einer organisationsethischen Perspektive erklären, müssen solche Ausdrucksformen verzerrten moralischen Handelns nicht (nur) als Regelverstöße auf intra- oder interpersoneller Ebene, sondern als transpersonale Phänomene organisationalen, d.h. systemischen ethischen Versagens thematisiert werden. Dies wird durch einen methodischen Brückenschlag zwischen verschiedenen theoretischen Erklärungsansätzen aus der Institutionenethik, der Meta-Ethik und der Sozialpsychologie erreicht, um bestimmte Formen moralischer Verantwortungslosigkeit von und in größeren sozialen Einheiten aus einer systemischen Perspektive zu beurteilen. Wir erweitern die diagnostische Heuristik des institutionellen Versagens um eine multikriterielle Darstellung der moralischen (Un-)Leistungsfähigkeit, um sie für die Bewertung der zugrundeliegenden (Dys-)Funktionen anzuwenden, die nicht-triviale Probleme und/oder Schäden von und in größeren sozialen Einheiten verursachen. Die Hypothese ist, dass soziale Pathologien oft aus einer systemisch bedingten Unempfindlichkeit für jene Faktoren resultieren, die stillschweigend im Hintergrund“ einer Organisation wirken (wie z.B. Skripte interpersoneller Verhaltensregeln, Algorithmen und institutionelle Organisationsstrukturen). Folglich haben wir es nicht nur mit einem bloßen Mangel an moralischer Kompetenz von Einzelpersonen oder Gruppen zu tun, sondern konzentrieren uns vielmehr auf die zugrundeliegende organisatorische Dynamik und die eingebetteten Bedingungen, die zu Vorurteilen und praktischen Unfähigkeiten führen, eine gute ethische Praxis wirksam zu bewahren, zu pflegen und nachhaltig zu etablieren. Dieses Projekt zielt darauf ab, zu bestimmen, wie die normative Reichweite von Behauptungen, die sich auf „Schaden“ beziehen, verteidigt werden kann, insbesondere unter Berücksichtigung der Pluralität von Lebensformen, der Vielfalt normativer Orientierungen und unterschiedlicher Theorien von Ethik und Moral. Umfassende Behauptungen über gerechtfertigte Kriseninterventionen für (Unternehmens-)Akteure „am moralischen Rand“ müssen die Abwehr- und Resilienzstrategien von (Unternehmens-)Akteuren thematisieren und typische Interventionsstrategien im Ethikmanagement kritisch diskutieren, die darauf angelegt sind, Chancen für institutionelle Veränderungen zu erhöhen oder wiederzugewinnen.
4. Praxis-Netzwerk: Psychiatrie, Psychotherapie und Medizinethik
Die PPME-Gruppe wurde 2021 gegründet, um eine interdisziplinäre Praxisgruppe von Medizinern und Philosophen zu unterstützen, die dem Wittener Ideal einer humanen Medizin mit „Hand und Herz“ folgt. Sie ist ein Netzwerk von Praxisphilosophen, Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten zur gemeinsamen Forschung und Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie angehender Psychiatriephilosophen und Medizinstudenten. Es können Synergien entstehen, um empirische Daten zu gewinnen, die philosophischen Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie praktisch zu lehren und einen Raum für klinisch-ethische Falldiskussionen zu schaffen. Diese Gruppe ist eine Zusammenarbeit von Forschern des Instituts für Erste-Person-Forschung der Universität Witten/Herdecke, der Abteilung für Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Universität Graz (Link: https://psychologie.medunigraz.at/en/ ) und des IBAM Witten (Link: https://ibam.uni-wh.de ).
Die Ziele des PPME-Netzwerks sind:
(1) Vermittlung von Grundkenntnissen in folgenden Bereichen: klinische Medizinethik und die Arbeit von Ethikkommissionen, Reflexion des eigenen Berufs (als angehende Krankenschwester, Arzt oder Psychotherapeut) mit der Möglichkeit zur angeleiteten Peer-Supervision; Weiterentwicklung der fallzentrierten ethischen Entscheidungskompetenz und des Verständnisses psychiatrischer Diagnostik.
(2) Diskussion interkultureller Fragestellungen in der (sozial-)psychiatrischen Versorgungsarbeit und Psychotherapie.
(3) Diskussion eigener Forschung, die praxisorientiert ist und/oder zum Wissenstransfer zwischen dem sozialpsychiatrischen, psychotherapeutischen und philosophischen Bereich beitragen soll; und
(4) die Erarbeitung und standortbezogene Durchführung gemeinsamer Projekte (Studien; Patientenbefragungen; Publikationen) mit dem Fokus auf Themen, die in der zukünftigen klinischen Praxis gesundheitspolitisch besonders dringlich sein werden.
Lebenslauf
Seit 2013 unterrichte ich als Gastdozentin im Studium Fundamentale an der Universität Witten/Herdecke.
Von September 2021 bis Februar 2024 bin ich außerordentliche Professorin für Praktische Philosophie im Fachbereich Philosophie der Fakultät für Geisteswissenschaften (Graduiertenschule) und Kernmitglied von CHAIN (Center for Human Nature, Artificial Intelligence and Neuroscience) an der Universität Hokkaido in Japan.
Davor war ich Postdoktorandin am Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück und Dozentin am Philosophischen Seminar der Universität Göttingen und habe als Studiengangskoordinatorin des angewandten Masterstudiengangs Medizinethik am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Mainz gearbeitet.
Während meines Studiums habe ich als Pflegehelferin in sozialpsychiatrischen Einrichtungen gearbeitet und bin klinische Ethikberaterin. Derzeit beschäftige ich mich mit den Themen Intuition und Einsicht sowie mit transpersonaler Pathologie.
Mein Habilitationsprojekt befasst sich mit der Pathologie und Phänomenalität der Einsamkeit und wird vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg betreut.